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Beitrag veröffentlicht am 29.05.2020 | Verena Küpperbusch

Emotionale Agilität

Negative Gefühle werden in der Arbeitswelt oft verleugnet und versteckt. Wir fühlen uns verletzlich, wenn jemand unsere Gefühle entdeckt. Der Grund dafür ist, dass Gefühle meist eingeteilt werden in gut und böse – positiv und negativ. Diese starre Einteilung wird der Komplexität unserer Realität jedoch nicht gerecht und hat stark negative Auswirkungen.

Was ist emotionale Agilität?

Die emotionale Agilität (auch emotionale Beweglichkeit) bezeichnet die individuellen Möglichkeiten im Umgang mit den eigenen Gefühlen. Es setzt voraus, dass wir gegenüber normalen menschlichen Gefühlen offen sind. Wir müssen sie benennen können und an uns selber wahrnehmen. Das ist die Voraussetzung, um uns fragen zu können: „Was möchte mein Gefühl mir sagen?“. Nur wer diese Frage zulässt, kann die nächste Frage beantworten: „Welches Handeln bring mich meinen eigenen Zielen und Idealen näher?“. Menschen, Teams, Familien, Unternehmen oder Gesellschaften, die diese Fragen zulassen, sind die widerstandsfähigsten und agilsten.

Emotionale Agilität fördert die Entwicklung von Innovationen

Emotionale Agilität geht also darüber hinaus, nur die eigenen Gefühle zu akzeptieren. Genauso wichtig ist es, diese Gefühle zu benennen und als Wegweiser zu nutzen. Dabei ist es oft gar nicht so leicht, Gefühle exakt zu benennen. Was bedeutet z. B. die einfache Aussage, dass jemand gestresst ist genau? Bedeutet gestresst, dass jemand enttäuscht ist? Oder bedeutet es, dass die Person den falschen Beruf gewählt hat? Oder verbirgt sich der geheime Wunsch nach mehr Anerkennung hinter dieser Aussage?

Eine präzise Beschreibung ist notwendig, um die Ursache der Gefühle herauszufinden. Nur wer den Auslöser der eigenen Gefühle entschlüsselt, kann sein Handeln danach ausrichten. Dann führt emotionale Agilität zu Widerstandskraft und der Entfaltung von Potentialen. Damit unterstützt sie die Gesundheit und Widerstandskraft (Resilienz) eines Individuums, einer Familie, eines Teams oder eines Unternehmens.

Gefühle, die Datenquelle zur emotionalen Agilität

Menschliche Gefühle sind weder von vornherein gut noch schlecht. Es sind Datenquellen, die Menschen helfen herauszufinden, was für sie persönlich wichtig ist. Gefühle sind das Ergebnis der Verarbeitung von Reizen, die wir über unsere Sinnesorgane wahrnehmen. Sie sind also ein Bild der Umwelt und der Vorgänge in unserem Körper. So helfen sie Menschen und Situationen schnell einzuschätzen. Alles, was Menschen fühlen, ist daher völlig legitim. Und Ausdruck der ganz individuellen Einschätzung einer Situation.

Wenn jemand Angst fühlt, bedeutet das keinesfalls, dass die Person feige wäre. Genauso, wie Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben. Stattdessen ist mutig, wer trotz Angst weitergeht. Indem die Person die Angst aber wahrnimmt und nicht verleugnet, kann sie mögliche Gefahren vorhersehen und sich schützen.  

Gefühle erleben wir – wir sind nicht ein Gefühl

Niemand hat eine herausragende Karriere, erzieht Kinder oder engagiert sich in der Gesellschaft, ohne Stress und gelegentliche Rückschläge. Wenn wir ein bedeutungsvolles Leben führen möchten, gehören unangenehme Gefühle dazu. Sie sind der Preis dafür. Allerdings sind wir ihnen nicht hilflos ausgeliefert. Wir bestimmen über unsere Gefühle – wir sind nicht unser Gefühl. Es ist also besser nicht „ich bin ängstlich“ zu sagen. Es klingt, als wäre die Person selber die Emotion. Aber Emotionen sind nicht unsere Persönlichkeit, sondern nur das, was wir empfinden. Daher ist es treffender zu sagen „Ich spüre, dass mir etwas Angst macht“.

Folgen mangelnder emotionaler Agilität

Jeder dritte Mensch verurteilt sich selber für negative Gefühle, wie Kummer, Wut oder gar Trauer. Viele bemühen sich sogar aktiv darum, solche Gefühle zu bekämpfen.[1] Das allerdings funktioniert nicht. Stattdessen ist es wie mit einem rosa Elefanten. Wenn wir uns vornehmen, nicht an ihn zu denken, sehen wir sein Bild sofort klar und deutlich vor unserem geistigen Auge. Und er geht einfach nicht weg. Ähnlich ist es auch mit unterdrückten Gefühlen. Statt unerwünschte Emotionen zu kontrollieren – kontrollieren sie uns.

Werden natürliche Emotionen unterdrückt, um eine sozial erwünschte Zuversicht vorzutäuschen, schadet das nicht nur den Betroffenen, sondern auch Ihrer Umwelt. Sie verlieren die Fähigkeit, flexibel auf Veränderungen zu reagieren und mit den Unwägbarkeiten des Lebens zurecht zu kommen. Als eine mögliche Folge können Depressionen entstehen. Und Depressionen sind schließlich die Hauptursache für lange Fehlzeiten und Behinderungen in Europa, so die Weltgesundheitsorganisation (WHO).


[1] David, S. (2016). Emotional Agility: Get Unstuck, Embrace Change and Thrive in Work and Life. New York: Penguin.